Weihnachten und Weihnachten

W

Mein Blick fällt auf die schönen Buntglasfenster über dem Altar in der Ahlbecker Kirche. Sechs Jahre ist es jetzt her, dass ich das erste Mal dieses Gotteshaus betrat und die Morgensonne wie heute mit ihren Strahlen die Fenstergeschichte zum Leben erweckte. Damals steckte ich voller Fragen. Eine religionslose Provinznatur auf der Suche nach Antworten, nach dem Sinn der Worte in einem zweitausend Jahre alten Buch. Ich fragte mich, was es ist, woran zwei Milliarden Menschen auf dieser Erde glauben. Was sich mir durch die Bibel nicht erschloss, sollte mir das Leben selbst erklären. Und ich entschied mich, in die Kirche zu gehen.

Ich fühlte mich so unglaublich falsch während der ersten Gottesdienste. Allein die junge Pastorin machte es mir leichter. Gab sie doch mit ihren sonntäglichen Predigten meinem Denken neue Impulse. Es war das Gefühl von Augenhöhe und Neugier zwischen zwei völlig verschiedenen Welten. Ich fand Antworten und viele neue Fragen. Auch Fragen, die in mir Stürme auslösten, denn Christen denken anders. Bestand doch mein Weltbild aus Tatsachen, die mir die Schulbildung vermittelt hatte. Wie konnte darin ein Gott Platz finden? Etwas nicht Greifbares, in das Menschen ihr Vertrauen und all ihre Hoffnung legten. Dieses Loslassen und Abgeben machte mir Angst, war ich es doch gewohnt zu kontrollieren, kritisch zu hinterfragen und mich selbst in die Verantwortung zu stellen. Doch trotz all des Neins, des Schulterzuckens und Unverständnisses geschah etwas mit mir.

Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der Glaube keine Rolle spielte. Weihnachten im Pommern meiner Kindheit war grau. Nur selten legte sich Schnee auf die Dächer der Gründerzeitvillen, die nach den Jahren im Sozialismus ihren herrschaftlichen Glanz verloren hatten. Wir feierten das Fest mit bunten Lichtern am Weihnachtsbaum und Alu-Lametta, das mich verfolgte, wenn ich daran vorbeilief. Der Heilige Abend begann mit Stollen und Tee und ganz viel Aufregung. Denn wenn der Tisch abgeräumt und der Abwasch erledigt war, begann endlich die Bescherung. Wir überreichten uns liebevoll eingepackte Geschenke, nahmen einander in die Arme und wünschten uns Frohe Weihnachten. Unter dem Baum fanden reichlich gefüllte Weihnachtsteller Platz. Zum Abendbrot gab es Kartoffelsalat und Würstchen und die Aussicht auf zwei freie Tage mit Mutters gutem Essen und all den schönen neuen Geschenken. Ich wusste, dass es eine Geschichte hinter diesem Fest gab, doch die war für mich bedeutungslos.

Dann kam mein erstes Weihnachtsfest in der Kirche. Am Heiligen Abend besuchte ich das Krippenspiel in Heringsdorf und war überwältig, wie viele Menschen es mir gleich taten. Es gab keinen einzigen freien Platz mehr. Auch überall in den Gängen standen Menschen. Wir sangen Weihnachtslieder und am Ende wünschten wir einander ein gesegnetes Fest. Ich fuhr mit einem warmen Gefühl heim zu meiner Familie, wo wir Weihnachten feierten, wie in jedem Jahr. Am Abend zog es mich zur Spätmette in die Ahlbecker Kirche, wo uns Lieder und Gedanken an Jesus’ Geburt erinnerten. Noch nie zuvor hatte ich mich so getragen gefühlt. All die Lieder und Rituale gaben dieser Zeit einen neuen Geist. Ich fühlte mich als Teil einer Gemeinschaft und begann unmerklich Glaube zu leben.

Bis heute habe ich viele Gottesdienste besucht. Ich mag es, mit neuen Gedanken und gesegnet aus der Kirche zu gehen. Im vergangenen Jahr habe ich mich am Strand von Heringsdorf mit Ostseewasser taufen lassen. Es war ein besonderer Tag und der Abschluss einer langen Reise. Doch auch dadurch bin ich noch kein Christ im eigentlichen Sinne. Vielleicht bin ich mehr eine Suchende, empfänglich für die Wärme der Gemeinschaft und den Geist der Weihnacht.

Über die Autorin

Claudia C. Pautz

Ich lebe und arbeite auf Usedom. Aus meiner Feder stammen neben den hier veröffentlichten Beiträgen auch die Texte der beliebten Usedom-Bildbände "Ein Jahr auf Usedom" und "Ein Jahr auf Usedom - Erinnerungen". Derzeit arbeite ich an einem Buch über meine Lieblingsplätze auf der Insel.

von Claudia C. Pautz

Kategorien

Sturmzeitgeschichten folgen

Neue Beiträge direkt ins eMail-Postfach.