Von Nebel, Herzklopfen und Doppelpunkten

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Kann man mehr als ein Gefühl haben? Ich meine, so zur selben Zeit Freude, Traurigkeit und auch Orientierungslosigkeit empfinden? Bis zu diesem Moment hätte ich das in engstirniger Pommernmanier kategorisch abgelehnt. Jetzt weiß ich es besser: man kann. Oder richtig: Ich kann!

Als ich die Kirche nach Annes Abschiedsgottesdienst heute Nachmittag verließ und in die nebelverhangenen Straßen von Ahlbeck blickte, raunte in mir ein: Ja, dieses Wetter passt zum Abschiednehmen. Wie ein weißer Schleier raubte der Nebel den schönen Bädervillen die Pracht, verschluckte das Bunt der Oktobernatur und malte mit dickem Pinsel eine farblose Welt, als sollte nichts von diesem Moment ablenken. Dieser Moment, der nur eines bedeutete: „Es vorbei und wird so nie wieder sein“.

Ich bin traurig, dankbar und froh zugleich. Traurig, weil ich Anne vermissen werde. Sie und ihre Worte, die oft inmitten der hektischen Welt den Blick zurückholten auf die wirklich wichtigen Dinge. Traurig, weil mir ihr Lachen an der Kirchentüre fehlen wird, wenn sie mich schmunzelnd in den Sonntag entließ. Und ich bin dankbar für all die Augenblicke, in denen sie mit Worten Wärme zauberte. Für ein wunderbares Weihnachtsfest, den traurigsten Karfreitag und den schönsten Ostersonntag. Froh bin ich, weil ich weiß, dass es richtig ist, wie es ist. Dass Anne weitergeht auf ihrem Weg und sie voller Freude nach vorn sieht. Und ich bin froh und dankbar zugleich, dass ich Teil ihres letzten Gottesdienstes sein durfte. Auch wenn mir der Atmen stockte ob der vielen Menschen, die heute den Weg in die Kirche fanden und deren Blick für einen Moment auf mir ruhte. Auch wenn mir die Knie zitterten vor Angst, meine Stimme könne versagen. Es war ihr Wunsch und ich bin glücklich, ihn ihr erfüllt zu haben.

Und wieder schaue ich hinaus in den Nebel und frage mich: Wie wird es jetzt sein? Am Sonntag in der Kirche? Ich werde es erleben.

Für diesen Moment bin ich glücklich…über Doppelpunkte statt Punkten hinter Erinnerungen…über den Nebel in den Straßen von Ahlbeck …und darüber, dass Du heute an meiner Seite warst.

Über die Autorin

Claudia C. Pautz

Ich lebe und arbeite auf Usedom. Aus meiner Feder stammen neben den hier veröffentlichten Beiträgen auch die Texte der beliebten Usedom-Bildbände "Ein Jahr auf Usedom" und "Ein Jahr auf Usedom - Erinnerungen". Derzeit arbeite ich an einem Buch über meine Lieblingsplätze auf der Insel.

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