Von Leben und Tod

V

Eisig kalt bläst der Wind um die Ecke, wirbelt den mühsam zur Seite geschobenen Schnee wieder auf und verteilt ihn gleichmäßig auf dem schmalen Weg, der an der Fensterfront entlang führt. Drinnen brennt Licht. Eine junge Dame deckt die Tische. Am Eingang steht ein alter Mann auf seinen Rollator gestützt und sieht ihr dabei zu. Er sagt etwas, sie lacht und schon verschwinden sie wieder aus meinem Blick.
Die automatische Tür schiebt träge ihr Glas beiseite. Ein Schwall warmer Luft empfängt mich. Der Hund zerrt in die richtige Richtung. Er kennt den Weg, über das Treppenhaus in die erste Etage, dann links halten. Im Fernsehen läuft Wintersport. Zwölf Augenpaare, anwesend und doch in ihrer eigenen Welt. Eine Schwester schiebt einen alten Mann an den Tisch. Gleich gibt es Kaffee. Der Hund weckt die Aufmerksamkeit. Die Dame mit dem rotgrauen Haar ruft: „Komm ma mit nach mir nach Haus! Komm ma, du!“ Schwanzwedeln. Sie lacht. Köpfe drehen sich.
Die nächste Tür links. Sie steht offen, wie immer. Nur sonst ist es ruhiger hier. Eine junge Schwester beugt sich über meine Tante und spricht mit ihr. Sie hebt ihre zitterige Hand. Sie mag nichts essen. Der Krebs hat sie zerfressen, ihren Magen, die Speiseröhre und noch soviel mehr. Jeder Bissen verursacht schmerzvolles Würgen, immer und immer wieder. Es zerreißt dir das Herz. Wo die Erinnerungen an all die Leckereien doch so klar sind. Sie hatte es immer wieder versucht. Am heiligen Abend ein Plätzchen von ihrer Schwester. Ein Schluck Kaffee. Und doch wieder nur Apfelmus. Vor einer Woche habe ich ihr die Winterbilder vom Strand und der Promenade gezeigt. Sie schenkte mir ein Lächeln und erzählte die alte Geschichte vom Karneval im Meeresstrand in Bansin und dem eisigen Heimweg die Promenade entlang zurück nach Heringsdorf. Das waren Zeiten.

Die Schwester blickt mich liebevoll an, lässt ihre Hand über meinen Arm gleiten und geht. Ich stelle mich ans Bett meiner Tante. Sie erkennt mich nicht mehr. Ihre milchigen blauen Augen versuchen nur für einen winzig kleinen Moment zu verstehen und schließen sich wieder. Kraftlos versucht sie sich von ihrem Deckbett zu befreien. Es ist ihr immer zu warm hier. Ich sehe auf ihre dünnen Beine, den eingefallenen Oberkörper. Nichts erinnert mehr an die Frau, die sie einst war. Es tobt in ihr. Ihr Atem geht schnell und flach. Ich streichle ihr die Stirn bis sie sich beruhigt und weiß so sehr, dass dies hier meine letzten Momente mit ihr sein werden. Dann wird es still. Sie dreht den Kopf zur Seite und schläft ein. Irgendwann nehme ich Abschied, küsse ihr die Stirn und gehe. Morgen Vormittag wird mein Vater mich anrufen und sagen, dass sie eingeschlafen ist. Und ich bin traurig und dankbar dafür.

Meine Mutter sagte einmal, man könne den Tod in den Gesichtern kommen sehen. Sie hatte mich immer vor solchen Erlebnissen geschützt. Ich sollte die Menschen so in Erinnerung behalten, wie ich sie kannte. Diesmal war es anders und ich bin froh darum. Ich weiß nicht, ob ich den Tod im Gesicht meiner Tante sah. Ich weiß nur, dass die Gewissheit in mir aufstieg.

Über die Autorin

Claudia C. Pautz

Ich lebe und arbeite auf Usedom. Aus meiner Feder stammen neben den hier veröffentlichten Beiträgen auch die Texte der beliebten Usedom-Bildbände "Ein Jahr auf Usedom" und "Ein Jahr auf Usedom - Erinnerungen". Derzeit arbeite ich an einem Buch über meine Lieblingsplätze auf der Insel.

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