Von alten Männern, kleinen Mädchen und Bernstein

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Manchmal laufe ich am Morgen schlaftrunken über die Düne, stelle die Schuhe unter den Zeitungsständer an Golz’ens Strandkorbverleih und blicke skeptisch übers Meer. Wolken. Schon wieder. Dieser Sommer macht es uns nicht leicht.

Dann gehe ich hinunter ans Ufer, strecke den großen Zeh ins Meer und bin etwas versöhnt. Wenigstens das Wasser ist warm. Ich laufe ein Stück in Richtung Heringsdorf und während es unter meinen Schritten spritzt, jagt der Schurke den Möwen nach und mir ist, als lächle er dabei.

Es ist menschenleer hier heute. Nur wenige verirren sich um diese Zeit an den Strand. Aus dem frischen Nordost gestern Abend ist ein sanfte Brise geworden. Der Sand am Ufer ist fest und hier und da wurde Strandgut gespült. Muscheln, Teetang und Holzkohle. Ich bleibe stehen. Die Erfahrung klopft an mein Oberstübchen: Wo Holzkohle ist, ist auch Bernstein! Und tatsächlich, es dauert nicht lange und ein goldbraunes Leuchten fängt meinen Blick. Es ist ein Bernsteinchen, winzig und doch wunderschön. Und wo ein Bernstein ist, da gibt es noch mehr.

Erinnere mich an einen schönen Sommermorgen am Strand in Heringsdorf. Die Tage zuvor waren stürmisch gewesen und haben Berge von Seetang an Land gespült. Menschen standen knietief darin und suchten nach Bernstein. Auch der alte Heringsdorfer, über den man sich erzählt, er habe schon ein ganzes Bernsteinzimmer zu Hause. Als der Traktor von der Strandreinigung angefahren kam, bat er den Fahrer, die Seetang mit der Harke auseinander zu ziehen. Er verteilte die Berge am Ufer entlang und plötzlich lag wenige Meter vor mir ein Bernstein, wie ich am Strand noch keinen gesehen hatte. Der alte Mann stand genau daneben. Er bückte sich sich und hob den Bernstein auf. Mir blieb nur ein wehmütiger Blick auf das Prachtstück, das schnell in seinem Beutel verschwand. Ich bat ihn um ein Foto, er willigte ein und wir kamen ins Gespräch. Seit vielen Jahren ist er nach günstigen Wetterlagen früh morgens hier unten und sammelt Bernstein. Manchmal ist es noch dunkel. Und ja, er habe ein ganzes Zimmer voll davon, erzählte er mir.

Heute morgen gibt es nur winzige Bernsteine, nur einer ist so groß wie mein kleiner Fingernagel. Eine Familie hat sich zu mir gesellt. Das kleine Mädchen entdeckt einen Bernstein, hebt ihn auf und sieht traurig aus. Sie würden gleich abreisen, sagt die Mutter. Ich lege meine Bernsteine zu ihrem in die kleine Hand und erzähle ihr, woher sie kommen. Sie hebt ein Stück Holzkohle auf und lächelt. Das kommt gemeinsam mit den Bernsteinen auf die Collage, die sie als Erinnerung an diesen Urlaub machen werden, sagt sie und bedankt sich.

Langsam gehe ich den Weg hinauf zu Golz’ens Strandkorbverleih, nehme meine Schuhe und spüre wie sich Sonnenstrahlen warm auf meinen Rücken legen. Der Schurke trottet zufrieden neben mir und ich denke: er ist überraschend schön, dieser Sommer.

Über die Autorin

Claudia C. Pautz

Ich lebe und arbeite auf Usedom. Aus meiner Feder stammen neben den hier veröffentlichten Beiträgen auch die Texte der beliebten Usedom-Bildbände "Ein Jahr auf Usedom" und "Ein Jahr auf Usedom - Erinnerungen". Derzeit arbeite ich an einem Buch über meine Lieblingsplätze auf der Insel.

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