HSP
Sturmzeitgeschichten

Highly Sensitive Person (HSP) – ein Outing

Jetzt ist es sicher und die Erkenntnis ist verstörend und wohltuend zugleich. Vieles, das ich bis heute schmerzlich erfahren musste und nicht verstehen und akzeptieren konnte, ist nun völlig klar. Ja, ich bin anders, ein wenig anders als die meisten Menschen. Ist Euch sicher auch schon aufgefallen. Aber: ich bin nicht krank und vor allem bin nicht allein damit. Ich gehöre einfach zu den 5-10% der Menschheit, die man als Highly Sensitive Persons (HSP) bezeichnet. Menschen, die die Umwelt über ihre Sinne und auch auf der zwischenmenschlichen Ebene sehr intensiv wahrnehmen. Bei mir in einer sehr ausgeprägten, extrovertierten Variante mit Hang zur Vielbegabung.

Highly Sensitive Person (HSP) wird in Deutschland mit hochsensibel oder hochsensitive Person übersetzt. Manche Wissenschaftler unterscheiden beide Formen je nach empathischer Ausprägung. Die Hochsensitivität lässt sich mittlerweile erklären. Aus wissenschaftlicher Sicht haben Menschen wie ich eine stark ausgeprägte Wahrnehmungsfähigkeit verbunden mit einer erhöhten Empfänglichkeit für Reize durch eine besondere Anordnung des Nervensystems.

Um es einfach auszudrücken: Jegliche Art von äußeren und inneren Reizen, egal ob positiv oder negativ, nehme ich stärker und detailreicher war. Mir fallen Dinge auf, die viele gar nicht wahrnehmen. Ich spüre Stimmungen schon, wenn ich einen Raum betrete. Ich habe einen sehr ausgeprägten Geruchssinn, eine sehr gute Intuition und kann mich unglaublich gut in andere Menschen hineinversetzen und sie erkennen, oft durch ihre Masken hindurch. All das klingt positiv und ich empfinde es auch so und habe mein Leben auch ohne das Wissen über die Hochsensitivität danach ausgerichtet.
Was jedoch in unmittelbarer Verbindung damit steht und mich immer belastet, ist die ständige Reizüberflutung. Ich reagiere empfindlich auf Lärm, Gerüche und Temperaturunterschiede. Aber auch auf Medikamente, Alkohol und Koffein. Ich trinke keinen Kaffee, noch nie, ganz intuitiv, denn ich habe mich danach immer schlecht gefühlt. Wenn andere nach 2 Gläsern Wein den Alkohol spüren, reicht mir ein halbes. Mittlerweile verzichte ich auf Alkohol, weil ich schon bei kleineren Mengen am nächsten Tag und manchmal auch übernächsten Tag leide. Ich kann Hunger und Müdigkeit schlecht aushalten. Dispute und Disharmonie rauben mir viel Kraft. Ich liebe Stille und habe ein ausgeprägtes Rückzugsbedürfnis, um Erlebtes zu verarbeiten und wieder Kraft zu tanken. Mein Telefon ist fast immer auf lautlos, weil ich mich nur so ohne fremde Einflüsse auf meine Arbeit konzentrieren kann. Ich richte mir Telefonzeiten am Tag ein, genau wie eMailzeiten, die dann nur dafür da sind. Multitasking ist mit mir nicht möglich. Ich bin unglaublich gut strukturiert, brauche Rituale wie Yoga und Meditation und bin dadurch trotzdem sehr produktiv.

Gespräche ermüden mich schnell, gerade weil ich sehr konzentriert dabei bin und sich in meinem Kopf schon währenddessen neue Ideen entwicklen. Gespräche inmitten von Menschenansammlungen oder Lärm gehen nur für kurze Zeit, weil ich alle Eindrücke um mich herum wahrnehme. Ungefiltert. Das erschöpft schnell.

Am stärksten zeigt sich meine Hochsensitivität, wenn es um das Thema Reisen geht. Ich verreise so gut wie nie. Nicht, weil mich andere Orte nicht reizen würden, sondern weil sie es zu sehr tun. Das beginnt schon mit der Fahrt. Die Reizüberflutung durch die neuen Eindrücke und die ungewohnte Umgebung versetzt meinen Körper in einen permanenten Stresszustand. Ich kann nicht essen, nicht schlafen und schon gar nicht entspannt die Reise genießen. Ich habe das Gefühl, dass mein Körper und meine Sinne völlig überfordert sind. Im Anschluss an die Reise brauche ich erst ein paar Tage, um mich in der gewohnten Umgebung wieder zu erholen. Besser geht es, wenn ich an Orte fahre, die ich bereits kenne.

Ihr könnt Euch sicher vorstellen, wie oft ich in meinem Leben gerade wegen des Reisens oder besser Nicht-Reisens innere und äußere Kämpfe austragen musste. Gerade in der Partnerschaft braucht es viel Verständnis. Mal ganz abgesehen von dem Zweifel an mir selbst. Ich habe es nie verstanden. Scheinbar niemand außer mir hat ein Problem mit dem Reisen. Jeder tut es mehr oder weniger weit. Ich habe 2 Therapien deswegen macht. Eine Konditionierung hat sich leider nie eingestellt. Irgendwann habe ich es aufgegeben und mich angenommen, wie ich bin.

Es gibt Tage, an denen spüre ich die Hochsensitivität kaum. An anderen umso mehr. Ganz oft benutze ich sie für meine Arbeit. Sie gibt mir das Gespür für die Schönheit dieser Insel und für Menschen. Die fehlende Konditionierung lässt mich jeden Tag wieder fasziniert über die Düne gehen und in Wort, Bild und Film einfangen, was ich so liebe. Ich habe so ein unglaubliches Glück mit meiner Hochsensitivität an einem so schönen Ort zu leben. Ich kann glücklich sein, auch ohne zu reisen. Ich habe Freunde in aller Welt, kenne mehr Ecken von New York und Venedig als mancher, der da gewesen ist. Dank der Digitalisierung und dem Internet kann ich meinen Wissensdurst stillen, wann immer ich mag. Früher habe ich es „Das Insel-Gen“ genannt, und dass mein Urgroßvater es auch hatte. Heute weiss ich, dass ich damit gar nicht so falsch lag. Es heisst HSP. Es ist tatsächlich vererbbar und macht mich zu dem Menschen, der ich bin. Mit all meiner Lebendigkeit und meinen Ideen, aber auch mit meinem starken Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug.

Hochsensitivität ist eine Gabe, wenn ich lerne, sie anzunehmen, den Signalen meines Körpers zu folgen und zu akzeptieren, dass ich eben nicht funktioniere, wie die meisten anderen Menschen.

Wenn Ihr mehr wissen möchtet über Hochsensitivität und Hochsensibilität, kann ich Euch die Open Mind Akademie von Anne Heintze sehr empfehlen. Anne ist selbst hochsensitiv und hochbegabt. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Phänomen.

Die Helmut Schmidt Universität in Hamburg führt derzeit intensive Studien zu diesem Thema durch.

Außerdem gibt es mittlerweile sehr gute Literatur:

Sylvia Harke – Hochsensibel – Was tun?
Eliane Reichardt – Hochsensibel – Wie Sie Ihr Stärken erkennen…
S
abine Dinkel – Hochsensibel durch den Tag

13

0

Blog folgen

Neue Beiträge direkt ins eMail-Postfach.