Ente gut, alles gut…

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Es war schon dunkel als ich die Delbrückstraße entlangfuhr und plötzlich mitten auf der verschneiten Fahrbahn im Licht der Laternen eine Ente sitzen sah. So ein schickes Exemplar mit grünem Hals und roten Beinen. Und weil ich nicht so einfach an ihr vorbeikam und sie auch auf mein Hupen nicht reagierte, stieg ich aus, um ihr mit wenig Worten und viel Gestik deutlich zu machen, dass sie mir gerade im Wege war. Das wiederum störte sie gar nicht. Sie bliebt einfach sitzen und ich nahm all meinen dick behandschuhten Mut zusammen, griff nach der Ente und setze sie, mir aus dem Weg, vorsichtig oben auf einen Schneeberg. Der Weg war frei.

Zurück im Auto freute sich Foxy riesig über die köstlichen Geflügeldüfte an meinen Handschuhen. Hatte ich eigentlich bemerkt, dass mein ach-so-braver Pudel in Gegenwart von Federvieh eine Metamorphose á la Dr Jekyll and Mr Hyde durchmacht und jegliche spärlich vorhandenen Manieren verliert? Ich hatte also meine liebe Not, mir das traute Tier von den Handschuhen zu halten. Als auch das endlich geschafft war und ich langsam wieder Fahrt aufnahm, sah ich beim Blick in den Rückspiegel wie meine Ente den Kopf ausstreckte und eben diesen plötzlich ermattet in den Schnee fallen lies.Oje! Da drückte es auf Brusthöhe links und das Helfersyndrom schrie laut: Tu was! Also hielt ich an, beäugte das Tier kurz, um ganz schnell einzusehen, dass ich keine Ahnung hatte und beschloss, die Tierärztin meines Vertrauens aufzusuchen.

Soweit, so gut. Nur wie sollte ich Ente und Mr Hyde gemeinsam in einem Auto transportieren? Ich setzte also die Ente, deren Kopf im übrigen immer noch ermattet auf den Federn lag, auf meinen Schoss, hielt die freidrehende Bestie mit der rechten Hand  auf Abstand und steuerte mit der Linken im Zeitlupentempo Richtung Tierarztpraxis. Die hatte natürlich schon zu. Nun gehöre ich zu den Menschen, die andere ungern am Abend stören. Aber hier ging es schließlich um das Wohl eines Tieres. Mit der Ente im Arm steuerte ich die Privatwohnung an, klingelte und wurde freundlich in den Flur gelassen. Ein kurzer Überblick über die Geschehnisse, ein Griff hier und ein Blick da und die Diagnose der Fachfrau stand fest: „Herzlichen Glückwunsch! In deinem Arm ist gerade eine Ente gestorben!“ Pffff… Schon wieder Kneifen auf Brusthöhe links. Auf meine Frage, was ich denn nun mit dem Tier machen sollte, entgegnete die Expertin mit einem Zwinkern: „Naja, da hast du zwei Möglichkeiten. Entweder wartest Du bis zum Frühling und begräbst sie dann. Oder Du machst was Leckeres zu essen daraus.“ Aha!

Ich beschloss vorerst nichts zu beschließen und meinen Freundeskreis zu befragen. Im Kofferraum lag immer noch der Karton des Bräters, den meine Eltern mir zu Weihnachten geschenkt hatten. Da sollte das arme Tier bis auf weiteres verbleiben. Kalt genug war es ja draussen. Gesagt, getan.

Kurze Zeit später klingelte mein Telefon. Es war Peter, seines Zeichens liebenswerter Halbverrückter mit Hang zu experimentellen Nahrungsversuchen! Das äußert sich zum Beispiel darin, dass er im Restaurant sitzend einer Tulpe den Kopf abriss, diesen verspeiste und mich lächelnd fragte, ob ich wüsste, dass man Tulpen essen könne. Genau diesem Peter erzählte ich also die Geschichte von der Ente. Seine Reaktion war wenig überraschend: „Bleib wo Du bist! Ich hole die Ente und mache sie uns morgen zum Mittag. So richtig lecker in Rotweinsauce mit Rotkohl und Klössen.“ Pffff… ‚Ja, meine Güte, wenn er denn unbedingt will und ich bin dann auch die Ente los. Aber essen…?‘ Allein der Gedanke würgte schon.

Peter holte also die Ente, überhäufte mich den ganzen Abend lang mit schimpfenden Anrufen, dass überall diese Federn wären und sich das Teil so schlecht rupfen liesse, aber er freue sich auf das Essen und ich solle pünktlich um 1 Uhr da sein. Es würgte wieder. Die Vorstellung von einem mageren etwas, von dem ich nur wußte, dass es gestorben war, jedoch nicht woran, machte mir gar kein gutes Gefühl.

Ich war pünktlich. Den Weg vom Auto zur Eingangstür von Peters Haus zog ich unbewusst in die Länge, im Gedanken die Gründe zurechtlegend, warum ich leider auf das köstliche Entenfleisch verzichten müsse. Ich klingelte, die Tür ging auf und da war er – der Geruch von toter Ente in Rotweinsauce.

Der Tisch war gedeckt. Teller, Besteck, Gläser – alles wie bei einem Sonntagsessen. Und in der Mitte lag sie, angerichtet auf einer Porzellanplatte – meine Ente. Für einen Moment sah ich sie wieder im Schein der Laternen auf der Straße sitzen, den Kopf stolz empor gestreckt. Und nun lag sie hier, ein Gerippe mit dunkelbraunen Fleischfäden, ein mageres nichts. Ich sah Peter verlegen an und fragte, ob es ok wäre, wenn ich nur Klösse und Rotkohl probiere. Weil ich sie doch kannte, diese Ente. Weil sie doch in meinem Arm gestorben war. Peter nickte, bestand auf etwas Sauce zu den Klössen und begann fröhlich an der Ente zu nagen. Zäh sei sie, sagte er. Nicht besonders appetitlich. Und ich lächelte zufrieden…

Über die Autorin

Claudia C. Pautz

Ich lebe und arbeite auf Usedom. Aus meiner Feder stammen neben den hier veröffentlichten Beiträgen auch die Texte der beliebten Usedom-Bildbände "Ein Jahr auf Usedom" und "Ein Jahr auf Usedom - Erinnerungen". Derzeit arbeite ich an einem Buch über meine Lieblingsplätze auf der Insel.

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von Claudia C. Pautz

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